Was ist die Summe aus 4 und 8?

Saatgut ist Kulturgut, oder?

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Seit einigen Jahren verstärkt sich auf dem Saatgutmarkt die Konzentration auf wenige Sorten und noch weniger Anbieter. Mittlerweile teilen sich lediglich noch fünf Großkonzerne 95 % des europäischen Saatgutmarktes für Gemüse. Aktuelles Beispiel der Konzentration ist die anvisierte Übernahme des US-Agrarriesen Monsanto durch den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Ein Großteil ihres Angebots sind Hybridsamen, sozusagen Einmal-Samen, die die Landwirte jedes Jahr neu einkaufen müssen. Zunehmend erweitern die Industriekonzerne ihr Sortiment um gentechnisch verändertes Saatgut, das sie beim Europäischen Patentamt (EPA) anmelden, um jegliche Möglichkeit des Nachbaus auch juristisch unterbinden zu können. „Es ist erschreckend mit welcher Geschwindigkeit Bäuerinnen und Bauern in den vergangenen Jahren abhängig vom Saatgut einiger weniger Großkonzerne geworden sind. Selbst der Biobereich sieht sich von dieser Marktmacht der Industrie bedroht“, erläutert Kirsten Arp, Pestizid- und Saatgut-Expertin beim Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. Damit droht Saatgut in seiner Vielfalt als Kulturgut verloren zu gehen und ausschließlich durch Unternehmen kontrolliert zu werden.

 

Verlorene Vielfalt zurückgewinnen - Welche Lösungsansätze gibt es?

Ein Gegenmodell bieten Zusammenschlüsse wie der Kultursaat e.V. oder der saat:gut e.V. Hier gilt Saatgut als Kulturgut und dessen Vermehrung als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe. „Basis unserer Arbeit ist langjährige Erhaltungszucht, also wiederholter Anbau auf Grundlage des biologisch-dynamischen Landbaus. So bleiben die Sorten im kontinuierlichen, naturgegebenen Strom von Keimen, Wachsen, Fruchten und Vergehen“, erklärt Michael Fleck, Geschäftsführer des seit 1985 aktiven Kultursaat e.V. Der ganz praktische Vorteil gegenüber der industriellen Hybridzucht sei nicht nur, dass jeder Interessierte die samenfesten Sorten vermehren könne. „Die Pflanzen passen sich ja in gewissem Rahmen an die Verhältnisse an und über Generationen stellen sie sich auf ihre jeweilige Umgebung ein. Und dank der sich permanent ändernden Lebensbedingungen können sie so auch widerstandsfähiger werden“.

 

Aber nicht nur auf dem Gebiet samenfesten Saatgutes, arbeitet die Naturkostbranche an Alternativen, um dem fortschreitenden Verfall der Vielfalt zu begegnen. Wenn es um Viehzucht und –Haltung geht, zeigen verschiedenste Umfragen der vergangenen Jahre, eine Sensibilisierung der Verbraucher, die die Folgen des Systems der industriellen Massentierhaltung nicht mehr tolerieren wollen. Insbesondere durch das Bekanntwerden von allein in Deutschland jährlich getöteten ca. 50 Millionen Küken, entspann sich eine breite Debatte. 

 

Im Biobereich gibt es seit einigen Jahren Initiativen, wie ei-care oder die Bruderhahninitiative, die auch den männlichen Küken wieder zu Wert verhelfen. Bei ei-care wird mit einer Zweinutzungsrasse gearbeitet, die zwar weniger Eier liefert, dafür aber auch fleischlich verwertbar ist. Die Bruderhahninitiative löst das Tötungsproblem, indem sie ihren Eiern „4 Cent für die Ethik“ aufschlägt. Mit diesen wird die Aufzucht der Bruderküken finanziert. Um die Abhängigkeit von wenigen Zuchtkonzernen grundsätzlich und langfristig zu verkleinern, gründeten die Bioverbände Demeter und Bioland im März 2015 die gemeinnützige Ökologische Tierzucht (ÖTZ) gGmbH. Ziel ist die züchterische Weiterentwicklung von Tieren speziell für die Bedürfnisse und Anforderungen des Bio-Landbaus. Begonnen wurde mit der Entwicklung einer ökologischen Hühnerrasse.

 

So bleibt noch viel zu tun. Doch ein Anfang ist gemacht, dass es zukünftig bei der Saatgut- und Tierzucht wieder darum geht als Gemeinschaft die Ressourcen in den Mittelpunkt zu stellen.

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